1970/1 Heilbronn sucht Miß »Käthchen«

Eine große Aktion für 1970:

Heilbronn sucht Miß »Käthchen«

ATC »Blau-Gold« und Sportvereine kreieren ein »Käthchen von Amts wegen«


Dem »Käthchen-Notstand« in Heilbronn soll Abhilfe geschaffen werden. Nicht irgendeine Maid soll dann und wann zum optischen Behelf bei feierlichen oder offiziellen Anlässen in das hellblaue Kostüm steigen, sich züchtig die Hutbänder unterm Kinn binden und für Heilbronn lächeln, nicht irgendeine, sondern eine von allen Heilbronnern extra gewählte.

Ein Mädchen, zwischen 17 und 19 Jahren jung, der Vorstellung der Bürgerschaft und dem Käthchenbild entsprechend, soll mit elterlicher Dispens fortan zu höherem Ruhme ihrer Stadt walten. Das »Käthchen von Heilbronn«, vom Preußen Heinrich von Kleist weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekanntgemacht, soll der aufstrebenden Industrie-Großstadt den dringend benötigten kulturellen Touch und auch ein freundliches Jungmädchen-Gesicht geben.

So dachten es sich jedenfalls die Mitglieder des Amateur-Tanzclubs »Blau-Gold« und sie fanden ein offenes Ohr und Bereitwilligkeit bei den städtischen Stellen, die bislang das Käthchen in ihre Dienste genommen hatten. Mit viel Segen von oben bedacht, scheint der Plan zu reifen. Museumsdirektor Dr. Wolfgang Tripps, Käthchenfreund und -förderer, selber Mitglied der späteren Jury, schreibt dazu: »Ihr Vorhaben ist legitim. Es ist kein Kitsch, sondern ein Teil der Vielfalt des Lebens und seiner Gesellschaftsform.«

Auch die Initiatoren sehen das »amtierende Käthchen« als eine Vermittlerin zwischen der mittelalterlichen Zeit, aus der Heilbronn sein Gesicht hat, und den heutigen Tagen. Diese Aufgaben und dieses Selbstverständnis setzten natürlich gewisse Bedingungen voraus. So soll das »Amts-Käthchen« ein aufgeschlossener moderner Mensch sein, ebenso über die Stadt wie auch über das Kleistsche Werk Bescheid wissen und den vielfältigen Repräsentationspflichten, die mit der Wahl des Käthchens verbunden sind, genügen.

Wie will man nun das Käthchen küren? Es war klar, daß es hierbei nicht ohne die Mithilfe vieler geht. Deshalb hat sich der ATC »Blau-Gold« an die Sportvereine Heilbronns um Mithilfe gewandt. In jedem Stadtteil will man nämlich eine Art Vorauslese machen, die dann zwar insgesamt 10 Käthchen-Anwärterinnen ergeben soll. Die fürs »Käthchen-Spielen« in Frage kommenden Mädchen zwischen 17 und 19 Jahren, die mindestens seit einem Jahr in Heilbronn oder Klingenberg ansässig sind und meinen, die Richtige zu sein, müssen sich bis zum 16. Januar an den jeweils zuständigen Sportverein in ihrem Wohnbezirk wenden.

Für die Stadtmitte ist es die »Turngemeinde von 1845 E. V.« Heilbronn, Postfach 1022; für Böckingen Turngemeinde E. V. Böckingen, Schuchmannstr. 21; für Neckargartach: Verein für Leibesübungen Heilbr.-Neckargartach; Schongauerstraße 80; für Sontheim: Turnverein E. V., Heilbronn-Sontheim, Parkstraße 7; für Klingenberg: Sport- und Sängervereinigung Klingenberg, Heilbronner Str. 38. Am 21. März wird dann die Vorwahl innerhalb der Sportvereine stattfinden, wo aus allen Bewerberinnen genau 10 Käthchen-Mädchen für die Endausscheidung erwählt werden. Der 21. März ist im übrigen ein besonderes Datum: auf den Tag genau, vor 150 Jahren, wurde nämlich das »Käthchen von Heilbronn« von Kleist in Wien uraufgeführt! [Anm.: 17. März 1810]

In Form eines großen Balles, des »Käthchen-Balles«, den der ATC »Blau-Gold« am 24. April in der Harmonie ausrichtet, geht es dann in die Endrunde. Für die »General-Jury« haben sich schon folgende Herren zur Verfügung gestellt: Landgerichtsdirektor Dr. Stellrecht, der Stadtkreisvorsitzende des DTB, Dr. Sauer, Dr. Manfred Tripps, Museumsdirektor in Düren, Verkehrsdirektor Alfred Mayer, Redakteur Werner Thunert und Frau Greta Singer vom ATC »Blau-Gold«. Diese Jury wird im übrigen auch die Fragen ausarbeiten, mit denen sich die Käthchen-Anwärterinnen qualifizieren sollen und mit denen sie beweisen müssen, daß sie auch aus dem Stegreif heraus frei sprechen können. Jedes junge Mädchen sollte sich nunmehr auf seine Käthchen-Tauglichkeit prüfen und sich dann bei dem zuständigen Verein zur Vorrunde anmelden. Also: »Auf zur Käthchen-Karriere!«


(bsk in: Heilbronner Stimme, 20. 12. 1969)