1970/2 Vorausscheidung zur »Käthchen«-Wahl

Die »Käthchen« von Heilbronn können sich sehen lassen

Sechzehn Mädchen bewarben sich um Käthchen-Titel / Vorwahl mit Frühlingsball / Aussehen und Geist unter der Lupe


 Der edle Wettstreit um den Thon des »Käthchens von Heilbronn« ist in vollem Gang. Sechzehn junge Damen hatten es gewagt und ließen Schönheit, Haltung und Geist am Samstag in Neckargartach und Sontheim prüfen. Die »Käthchen« konnten sich alle sehen lassen. Aber es mußten zehn Mädchen gekürt werden, die sich am 24. April in der Harmonie um den begehrten Titel des amtlichen »Käthchens« der Stadt Heilbronn bewerben können. Initiator dieser ersten Käthchenwahl ist der Amateur-Tanzclub Blau-Gold. Aus allen Stadtteilen konnten sich »Käthchen« bei den Sportvereinen melden. Im Rahmen von Frühlingsbällen führten der VfL Neckargartach in der Neckarhalle und der TV Sontheim in seiner Turnhalle die Vorwahlen für den gesamten Stadtkreis durch.

Eine reizende Garde von sechzehn Mädchen aus allen Stadtteilen bewarb sich am Samstag um die Teilnahme an der ersten Käthchenwahl in Heilbronn. Die Siegerin und eine Stellvertreterin sollen künftig die Stadt des Kleist-Dramas »Das Käthchen von Heilbronn« bei offiziellen Anlässen mit einem Hauch von Romantik repräsentieren. Zur Vorentscheidung stellten sich jeweils acht Mädchen in der Neckarhalle in Neckargartach und in der Sontheimer Turnhalle vor. Dabei mußten zehn Mädchen für die Käthchenwahl gekürt werden.

Kniebeugen, Klavier und Tänze

Die Mädchen im Alter von 16 bis 19 Jahren wurden von einer fünfköpfigen Jury vor einem festlichen Publikum genau unter die Lupe genommen. Zunächst wurden Schönheit, Aussprache und Haltung geprüft. Einige der »Käthchen« glänzten dabei mit Sondervorstellungen und ernteten stürmischen Beifall: sie ließen das Publikum zum Turnunterricht antreten, spielten auf dem Klavier, trugen ein Gedicht vor oder legten eine kesse Sohle aufs Parkett.

Teilweise schwierige Fragen

Mit zehn Fragen, die Museumsdirektor Dr. Wolfgang Tripps ausgesucht hatte, ging es dann um den Geist. Die Antworten waren teilweise nicht einfach, wie das zum Mitspielen aufgerufene Publikum selbst feststellen konnte. Die Hälfte der Fragen war ganz auf Heinrich von Kleist und sein »Käthchen«-Drama abgestimmt: wann und wo der Dichter geboren sei, welche Schauplätze das Stück habe, wie die Kleidung jener Zeit heiße, in welcher Tracht die meisten Regisseure das »Käthchen« auf der Bühne auftreten lassen würden…?

Was sie über Heilbronn wissen, mußten die Mädchen im zweiten Teil der Prüfung beweisen. Da wurde nach den Wahrzeichen von Heilbronn gefragt, wer die Kilianskirche erbaut habe, wie der Oberbürgermeister und die Beigeordneten der Stadt heißen, durch welche Einwohnerzahl Heilbronn zur Großstadt geworden sei? Auch nach fünf berühmten Männern aus Heilbronn und den Stadtteilen wurde gefragt. Als originellste Antwort schrieb ein Mädchen auf seinen Zettel auch den VfR-Torjäger Hägele, den VfR-Trainer Bufka und Ex-Weltmeister Losch.

Alle Stadtteile schafften es

Die höchste Punktzahl (259) wurde von der besten Kandidatin in Sontheim erzielt, während sich die Siegerin von Neckargartach mit 246,5 Punkten begnügen mußte. Der Zufall wollte es, daß nach diesen Vorentscheidungen alle Heilbronner Stadtteile mit mindestens einem Mädchen an der Käthchenwahl am 24. April der der Harmonie vertreten sein werden. Aus Heilbronn-Stadt: fünf, Sontheim: zwei, Böckingen, Neckargartach und Klingenberg: jeweils ein Mädchen.

Die beiden Siegerlisten

Bei der Vorentscheidung in Neckargartach qualifizierten sich folgende Mädchen für die Käthchenwahl: Gudrun Schindler, THG-Schülerin, Evelyn Friedrich, EHKG-Schülerin, beide Heilbronn-Stadt; Gerlinde Reinhardt, Rechtsanwalt-Assistentin, Böckingen; Sieglinde Klenk, kaufmännische Angestellte, Neckargartach; Ruth Herrmann, Lehrling, Klingenberg.

Die Siegerliste von Sontheim: Beate Strobel, EHKG-Schülerin, Rose Wieland, die in der Gaststätte ihrer Eltern (»Siedlerstuben«) hilft, Ursel Brunner, Sportstudentin, alle Heilbronn-Stadt; Ingeborg Karpf, THG-Schülerin, Gisela Hirth, Versicherungslehrling, beide Sontheim.

Gleichzeitig zwei Frühlingsbälle

Die Frühlingsbälle des VfL Neckargartach und des TV Sontheim gaben der Vorentscheidung für die Käthchenwahl einen festlichen Rahmen. Mit herzlichen Begrüßungsworten hatte der VfL-Vorsitzende Albert Utz und der TV-Vorsitzende Erwin Römmele die Festabende eröffnet. Sowohl die Neckarhalle als auch die Sontheimer Turnhalle waren mit Blumen ganz im Zeichen des Frühlingsanfangs geschmückt. Aber während in Neckargartach etwa 400 Gäste kamen, waren es in Sontheim nur 150 Besucher. Unter den Ehrengästen sah man auch Bürgermeister Fuchs mit seiner Gattin.

»Blau-Gold« organisierte vorbildlich

Als Repräsentanten des Amateur-Tanzclubs Blau Gold leiteten der Vorsitzende Wolfgang Schindler in Sontheim und Schriftführer Gerd Schiburr in Neckargartach die Wahlen und das Programm recht geschickt. Als Jury hatten sich in Neckargartach zur Verfügung gestellt: Frau Singer und die Herren Utz, Schoch, Wittgen und Arndt sowie Scholz als Zeitnehmer. Die Jury in Sontheim: Müller, Stoy, Hagmann, Scheuble und Gsell sowie Schmid als Zeitnehmer.

Mit anspruchsvollen Tanzvorführungen rundete der Amateur-Tanzclub Blau-Gold das Programm ab. Die Heilbronner Ehepaare Hagen und Betz erfreuten die Augen mit einem Langsamen Walzer und Quick-Step. Stürmischen Beifall erntete das Ehepaar Baumann aus Mannheim für seine lateinamerikanischen Schautänze. Mit einer Stepp-Einlage unter Tanzlehrer Wolf begeisterten Blau-Gold-Mädchen. Obwohl die Akteure zwischen Neckargartach und Sontheim pendeln mußten, klappte alles reibungslos und auf die Minute genau.

Das Publikum selbst war keinesfalls nur eine Randfigur. Erstens konnten sich alle Tisch-Gemeinschaften an den Käthchen-Fragen beteiligen und als Preis für den Schweiß eine Sektflasche gewinnen. Zwischendurch und danach sorgten die Kapelle Peter Kalmbach aus Karlsruhe in der Neckarhalle und die »Sechs Hobbys« in der Sontheimer Turnhalle für flotte Tanzmusik.


(jac [Uwe Jacobi] / hasa in: Heilbronner Stimme, 23. 3. 1970)