Emig, Günther: Neues zur Uraufführung in Wien 1810

Kleists »Käthchen« – neue "Lebensspuren"

Unverhoffte Funde in Wien

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(Zuerst in: Heilbronner Kleist-Blätter 8/2000)


Wer fasziniert vor den artifiziellen Höhenflügen dekonstruktivistischer Kleist-Forschung steht, wagt kaum, der verehrlichen Kleist-Welt mitzuteilen, was simples Blättern in alten Bänden jüngst zutage gefördert hat: Zu den bisher fünf bekannten Aufführungen von Kleists Käthchen im "Theater an der Wien" des Jahres 1810 sind fünf weitere für 1810 und zwei für 1811, mithin zwölf zu Kleists Lebzeiten, am Ort der Uraufführung belegt.

Aber der Reihe nach!

Kleists Käthchen "ist den 17. 18. und 19. März, auf dem Theater an der Wien, [...] zum erstenmal gegeben, und auch seitdem häufig, wie mir Freunde sagen, wiederholt worden", so Kleist in einem Brief an seinen Verleger Georg Andreas Reimer am 10. August 1810.1

Die explizit mit Aufführungsdatum zitierten Termine sind auch auf dem Titelblatt der Buchausgabe2 genannt, die Ende September 1810, zur Michaelismesse, erschienen ist.3

Dem Kleistschen Hinweis auf die häufigen Wiederaufführungen hat Reinhold Stolze mißtraut, doch Hermann F. Weiss konnte mit viel Spürsinn über die drei datierten Aufführungen hinaus zwei weitere ermitteln: 24. und 27. März 1810.4

Auf der Suche nach frühen Käthchen-Aufführungen5 und besonders nach dem Original des Theaterzettels für einen Nachdruck desselben wandte ich mich an die bei Theophil Zolling6 (der meines Wissens den Theaterzettel zur Käthchen-Uraufführung das erste Mal im Faksimile gedruckt hat) genannte Quelle, die Nachfolgerin der Wiener Hofbibliothek resp. deren Theatersammlung. Telefonische Nachricht von dort am Tag vor meinem Reiseantritt und später bei meinem ohnehin geplanten Wien-Aufenthalt im November 1999: Fehlanzeige. Der Theaterzettel sei dort nicht vorhanden.

Beharrliches Nachfragen nach der Geschichte der Hofbibliothek und ihrer zwischenzeitlich ausgegliederten Sammlungen brachte das ans Tageslicht, was Eingeweihte ohnehin wissen dürften: Das gesuchte Objekt ist nicht in der Theatersammlung, sondern in der Musikabteilung der Österreichischen Nationalbibliothek vorhanden. Wo ich ihn dann auch, aufgebunden, zu sehen bekam.7 Allerdings - und das war die erste Überraschung - nicht so, wie er allenthalben abgedruckt wird, im Hochformat, sondern als rechtes Drittel eines querformatigen Blattes, Gesamtgröße insgesamt ca. 34 x 21 cm. Im linken Drittel der Seite wird für die Aufführungen von Es spuckt [!], einem Lustspiel der k. k. Hofschauspielerin Johanna Weissenthurn, und für Kotzebues Kleine und hübsche Putzmacherin am Burg-Theater, im mittleren Drittel für die Oper Die Schweizer-Familie von J. F. Castelli am Kärntnertor-Theater geworben; im rechten Drittel dann das bekannte Kleist-Faksimilie. Der Band war auf dem Buchrücken beschriftet mit der Jahreszahl 1810.

Erst als ich längst wieder in Deutschland war, fragte ich mich, was denn dieses Buch sonst noch anderes enthalten mochte - was außer vielleicht vollständig die Theaterzettel des "Theaters an der Wien" von 1810, dem Jahr der Käthchen-Uraufführung.

Eine Bitte an die österreichischen Kollegen, doch die Bände 1810 und 1811 (bis zu Kleists Todestag) für mich durchzusehen, brachte die insgesamt zwölf Aufführungstermine zu Kleists Lebenszeit ans Tageslicht:

Datum Quellen
17. 3. 1810 Titelblatt der Erstausgabe, Brief Kleist an Reimer, Theaterzettel
18. 3. 1810 Titelblatt der Erstausgabe, Brief Kleist an Reimer, Theaterzettel
19. 3. 1810 Titelblatt der Erstausgabe, Brief Kleist an Reimer, Theaterzettel
24. 3. 1810 Hermann F. Weiß, Theaterzettel
26. 3. 1810 Theaterzettel
27. 3. 1810 Hermann F. Weiß, Theaterzettel
12. 5. 1810 Theaterzettel
11. 6. 1810 Theaterzettel
10. 12. 1810 Theaterzettel
17. 12. 1810 Theaterzettel
31. 1. 1811 Theaterzettel
16. 2. 1811 Theaterzettel

Was bedeutet dieser Fund für die biographisch orientierte Kleist-Forschung? Zunächst: Er spornt an, weil der viel geschmähte Positivismus neben allen postmodernen Bemühungen durchaus noch Entdeckungen möglich macht. Sodann: Die Kleist-Forschung sollte diesen Fund in ihr bisher bekanntes Wissensumfeld einordnen. Weiterhin: Der Vollständigkeit halber sollte man die Wiener Zeitungen und Zeitschriften im zeitlichen Umfeld der Aufführungen auf "Lebensspuren" durchsehen. Schließlich: Ambitionierte Studierende der Germanistik, die sich mit Detailfunden zu Kleist empfehlen wollen, sind aufgerufen, sich zum Zweck der Recherchen an Orten außerhalb Heilbronns mit dem Autor vorliegender Notiz in Verbindung zu setzen. - Die HKB werden regelmäßig über die Ergebnisse berichten.


1 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. von Helmut Sembdner. 9., verm. u. revid. Aufl. Bd. 2. München: Hanser 1985. S. 835. (Brief Nr. 166)
2 Faksimile siehe Sembdner, Helmut: Kleist-Bibliographie 1803-1862. Heinrich von Kleists Schriften in frühen Drucken und Erstveröffentlichungen. Stuttgart: Eggert 1966. S. 22.
3 vgl. Kleist, Heinrich von: Dramen 1808-1810. [...]. Unter Mitw. von Hans Rudolf Barth hrsg. von Ilse-Marie Barth u. Hinrich C. Seeba. Frankfurt a. M.: Dt. Klassiker Verl. 1987. S. 865. (Kleist: Sämtliche Werke und Briefe. 2)
4 Weiss, Hermann F.: Funde und Studien zu Heinrich von Kleist. Tübingen: Niemeyer 1984. S. 181, Fußnote 32.
5 Ein aus lokaler Sicht interessanter Aspekt: Bei den über 1.200 genau datierten Käthchen-Aufführungen allein in der Holbeinschen Bearbeitung (vgl. Stolze, Reinhold: Kleists Käthchen von Heilbronn auf der deutschen Bühne. Berlin 1923. (Germanische Studien. 27). S. 29) ergibt sich die Frage: Wann wurde das Stück an seinem Schauplatz, in Heilbronn, zum ersten Mal aufgeführt? Belegt ist bisher als frühestes Datum das Jahr 1929, während das Käthchen als städtische Repräsentationsfigur bereits seit 1871 bekannt ist.
6 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke. 3. Teil. [...]. Hrsg. von Theophil Zolling. Berlin u. Stuttgart: Spemann [1885]. (Deutsche National-Litteratur. 150). S. XI.
7 Österreichische Nationalbibliothek, Musiksammlung, Signatur: 147449 - C M 1810. Mein besonderer Dank gilt Herrn Dr. Galsterer sowie Herrn HR Dr. Günter Brosche, der darauf hinweist, daß der in der Musiksammlung aufliegende Band mit Theaterzetteln von 1810 "fast vollständig" sei, was mithin nicht ausschließt, daß der geringe fehlende Rest noch die eine oder andere Käthchen-Aufführung enthalten könnte.